Fuer einen Moment erinnerte ich mich daran, dass ich die Welt meiner Eltern nicht hatte verlassen wollten, als wir dort standen, vor jenem Weddinger Kino ‘Alhambra’, mein Vater suchte den kuerzesten Weg im Stadtplan und allein das hatte mich unendlich verunsichert, etwas schien aussergewoehnlich, nicht der Regel gemaess und auf dieser klammen Fahrt zum Zoologischen Garten, meine Schwester still auf dem Sitz neben mir, hatte ich mir gewuenscht, er moege den Weg nicht finden, er moege den Weg niemals finden. An diese Momente erinnerte ich mich, als ich dort sass, mein Kopf reichte kaum ueber die Unterkante des Bahnfensters hinaus und ich starrte fasziniert in diese weisse weite und fremde Welt jenseits der Scheiben, die von den regelmaessigen, auf geheime Art gesetzmaessigen, Bewegungen der Linien der Hochspannungsleitungen wie die Panoramen eines unwirklichen Films zerschnitten wurde, es war eine Welt, die gleichzeitig von einer Ordnung und einer Fremdheit, einer Bedrohung kuendete und der ich nicht entnehmen konnte, was da kommen sollte. Um mir etwas Mut zu machen, munterte ich den stummen achtjaehrigen Mirko im Abteil links vor mir, dessen Traenen nach stundenlangem Weinen noch kaum getrocknet waren, mit einigen meine ganze Erfahrenheit und Abgebruehtheit erlaeutern sollenden Geschichten meiner gewissermassen altgedienten ‘Kinderkurheim’-Erfahrungen auf, ich erzaehlte von weitausgreifenden Bergpanoramen im schoenen Berchtesgaden, von heldenhaft ueberwundenen Windpockeninfektionen an der Nordsee, von Wattwanderungen und waghalsigen Sprungexperimenten an fernen Spielplatz-Stahlgeruesten, die ich ploetzlich, dort in der Fremde, gewagt hatte, gewagt und trotz mehr oder weniger schwerwiegender Blessuren, das rechte Ohr schrammend ueber den Spielplatz-Schotter, der Schorf der ueber lange Tage die Rueckseite meine Ohres ganz ausfuellte, gewonnen hatte. Was ich ihm nicht erzaehlt hatte, was ich verschwiegen hatte, das waren die Schlaege des Leiters des Kinderkurheims im schoenen St. Peter-Ording, die auf mich, kaum sechs jahre alt, eines Nachts unter den wimmmernden Lauten meines Bruders im Nebenbett, niedergeprasselt waren, ich erzaehlte ihm nichts von den Pruegeleien zwischen halbwuechsigen Jungen und Betreuerinnen unter dem schoenen Panorama der Berchtesgadener Alpen, des Watzmanns, den ich schliesslich allein aus der Imagination heraus zeichnen gelernt hatte wie kein anderer, ich erzaehlte ihm nichts von dem Kot an den Beinen des sich verzweifelt gegen den Griff der Betreuerin Wehrenden im kalten und grauen Toilettensaal, ich erzaehlte ihm nichts von meinen einsamen naechtlichen Expeditionen aufs Klo, der Kaelte des grossen Flurs, das matte Notlicht der Nacht, immer wieder war ich aufgestanden, fuenfmal, zehnmal, dreissigmal, jede Nacht, in die Einsamkeit der Nacht hinaus um ein paar Tropfen Urin vor dem nach Desinfektionsmittel stinkenden Pissoir abzusondern. Mich hatte es damals gewundert: warum gerade ich, warum bin ich es der immer wieder, einem einsamen und unverstandenen Gesetz folgend, diese einsamen naechtlichen Expeditionen antrat, niemals sollte jemand davon erfahren. Und ich erzaehlte ihm nichts von den Alptraeumen, die mich geplagt hatten, diesen Traeumen, nachts wieder zurueck im heimischen Garten in Berlin, es war Sommer und wir spielten die Spiele die Kinder gespielt hatten, als ich erwachte von der kalten Stimme einer Betreuerin, die uns zum morgendlichen Wiegen abkommandierte: du hast eine Tafel Schokolade zugenommen, prima Andreas, und ich triumphierte, denn ich hatte meinen Morgenurin wohlweislich nicht entleert.
Mirko gegenueber aber erzaehlte ich von alldem nichts, stattdessen malte ich ihm mit einem sicheren Schwung des Armes in die Weite der schneeweissen Landschaft, die an uns vorbeirauschte, aus, wie wohl mein naechster Kuraufenthalt aussehen wuerde, jener naemlich, der moeglich wuerde, wenn ich erst das zwoelfte Lebensjahr erreicht haette, das ich jetzt ja nur um ein Jahr unterbot und ich malte mir selbst aus, dass ab diesem Jahr jeder Kurheimaufenthalt etwas von Abenteuer und Erwachsensein haette und dass die Maedchen, die man dort unweigerlich antraefe, tapfer und unerschrocken seien und das Leben gesehen haetten. So also malte ich mir eine Art Panorama des Verwegenen und Erfahrenen aus und in Wirklichkeit war in mir nichts weiter als die nackte Angst, eine nackte, beklemmende und Schweigen gebietende Angst, die meine schweigsame Schwester mir gegenueber ganz erfuellt hatte, die mich hin uns wieder stumm anblickte, wenn die Betreuerin auf ein neues aufgestanden war, um auf dem Gang vor dem Abteilfenster zu rauchen und zu der ich immer wieder gesagt hatte, jedes einzelne Mal: Rauchen foerdert Lungenkrebs, Kettenrauchen verkuerzt die Lebenserwartung immens, das ist so unvernuenftig und jene Betreuerin, die abgeordert war, um vier grossaeugige Berliner Kinder per Intercity in das Kinderkurheim im winterlichen Schwarzwald zu verfrachten, hatte irgendwann nur diesen einen Satz gesagt: halt endlich deinen gottverdammten Mund.
Schweigsam geworden, fast gebrochen, der Wille in diesem jungen immer ein wenig neunmalklugen Menschen schon gebrochen, starrte ich in der einbrechenden Daemmerung auf die schwere Last des Schnees, die auf den geschwungenen Fichten lag, die zu Hunderten und Tausenden vorbeizogen, der Schnee hatte sich in duennen Mauern auch auf die Masten der Hochspannungsgleitungen und die Leitungen selbst gelegt und war nur hier und dort vom Wind hinweggefegt worden und brach dann die Regelmaessigkeit der immergleichen Linien, an denen sich meine Augen festgesaugt hatten, denen sie mit einer mathematischen Regelmaessigeit mechanisch folgten und waehrend die Regelmaessigkeit jener Linien mir eine Geborgenheit verschafte, mich an ein Zuhause erinnerte, an meine geliebten Schaltungen, die ich so zum Verdruss der Familie in jeder Variation herzustellen imstande war, von Lauschanlagen, die mir jedes Gespraech im heimischen Wohnzimmer ein Stockwerk hoeher trugen, bis hin zu heulenden Alarmanlagen und fuer jeden aussenstehenden unbegreiflichen Vorrichtungen, die jedwede Musiksignale ueber die fokussierten Strahlen einer LED durch die gesamte Diagonale meines Zimmers uebertrugen, während ich an die Geborgenheit dieser entdeckergleichen, immer ein wenig ueberspannten Kinderwelt dachte, erinnerte ich mich auch an dieses Wimmern meines Bruders, dieses Wimmern meines Bruders im Nebenbett des Kinderkurheims St. Peter-Ording, ich war kaum sechs Jahre alt, das mir erst bedeutet hatte: du trugst doch keine Schuld, ich trug ja keine Schuld. Buchwald, der Leiter des Kinderkurheims, hatte ploetzlich im hellerleuchteten naechtlichen Zimmer gestanden und gefragt: wer war es, wer hat gepfiffen. Wir hatten uns wohl einen etwas eitlen Streit darueber geleistet, wer die schoenste Melodie auf seinen Lippen zustandebraechte, es war sicherlich zu spaet hierfuer, und mein junger Kombattant im Nebenbett hatte in einem schnellen rettenden Einfall auf mich gezeigt: er war es. Noch dreissig Jahre spater hatte ich mich der unvermeidlich folgenden Schlaege erinnert, rohe Schlaege, ungezielt, ins Gesicht, auf den Kopf, den Ruecken, wie von Sinnen, den kleinen Koerper, der noch immer seinen geliebten Bernhardiner, viel mehr treuer Begleiter als blosses Stofftier, eisern unklammert hielt, dabei immer wieder meterweit aus dem Bett hebend. Buchwald lebte dreissig Jahre spaeter noch immer, in seinem kleinen Dorf am Rande der nordfriesischen Kueste und er war wenige Wochen nach dieser Demonstration von Macht und Willkuer, ich lag krank im Bett, eines mittags an meinem Bett erschienen, hatte mir ueber das Haar gestrichen und mich gefragt, wie es mir gehe. Irgendein kleines Geschenk muss er dabeigehabt haben, das er mir mit feierlichem Ernst ueberreichte und vielleicht war es erst diese erzwungene und furchtbare Naehe gewesen, die etwas in mir hatte zerbrechen lassen, das mit dem Vertrauen in die Erklaerbarkeit einer Kinderwelt zusammenhing, mein Vertrauen in die Erklaerbarkeit einer Welt, die ich nicht begriff.