Schnee

Fuer einen Moment erinnerte ich mich daran, dass ich die Welt meiner Eltern nicht hatte verlassen wollten, als wir dort standen, vor jenem Weddinger Kino ‘Alhambra’, mein Vater suchte den kuerzesten Weg im Stadtplan und allein das hatte mich unendlich verunsichert, etwas schien aussergewoehnlich, nicht der Regel gemaess und auf dieser klammen Fahrt zum Zoologischen Garten, meine Schwester still auf dem Sitz neben mir, hatte ich mir gewuenscht, er moege den Weg nicht finden, er moege den Weg niemals finden. An diese Momente erinnerte ich mich, als ich dort sass, mein Kopf reichte kaum ueber die Unterkante des Bahnfensters hinaus und ich starrte fasziniert in diese weisse weite und fremde Welt jenseits der Scheiben, die von den regelmaessigen, auf geheime Art gesetzmaessigen, Bewegungen der Linien der Hochspannungsleitungen wie die Panoramen eines unwirklichen Films zerschnitten wurde, es war eine Welt, die gleichzeitig von einer Ordnung und einer Fremdheit, einer Bedrohung kuendete und der ich nicht entnehmen konnte, was da kommen sollte. Um mir etwas Mut zu machen, munterte ich den stummen achtjaehrigen Mirko im Abteil links vor mir, dessen Traenen nach stundenlangem Weinen noch kaum getrocknet waren, mit einigen meine ganze Erfahrenheit und Abgebruehtheit erlaeutern sollenden Geschichten meiner gewissermassen altgedienten ‘Kinderkurheim’-Erfahrungen auf, ich erzaehlte von weitausgreifenden Bergpanoramen im schoenen Berchtesgaden, von heldenhaft ueberwundenen Windpockeninfektionen an der Nordsee, von Wattwanderungen und waghalsigen Sprungexperimenten an fernen Spielplatz-Stahlgeruesten, die ich ploetzlich, dort in der Fremde, gewagt hatte, gewagt und trotz mehr oder weniger schwerwiegender Blessuren, das rechte Ohr schrammend ueber den Spielplatz-Schotter, der Schorf der ueber lange Tage die Rueckseite meine Ohres ganz ausfuellte, gewonnen hatte. Was ich ihm nicht erzaehlt hatte, was ich verschwiegen hatte, das waren die Schlaege des Leiters des Kinderkurheims im schoenen St. Peter-Ording, die auf mich, kaum sechs jahre alt, eines Nachts unter den wimmmernden Lauten meines Bruders im Nebenbett, niedergeprasselt waren, ich erzaehlte ihm nichts von den Pruegeleien zwischen halbwuechsigen Jungen und Betreuerinnen unter dem schoenen Panorama der Berchtesgadener Alpen, des Watzmanns, den ich schliesslich allein aus der Imagination heraus zeichnen gelernt hatte wie kein anderer, ich erzaehlte ihm nichts von dem Kot an den Beinen des sich verzweifelt gegen den Griff der Betreuerin Wehrenden im kalten und grauen Toilettensaal, ich erzaehlte ihm nichts von meinen einsamen naechtlichen Expeditionen aufs Klo, der Kaelte des grossen Flurs, das matte Notlicht der Nacht, immer wieder war ich aufgestanden, fuenfmal, zehnmal, dreissigmal, jede Nacht, in die Einsamkeit der Nacht hinaus um ein paar Tropfen Urin vor dem nach Desinfektionsmittel stinkenden Pissoir abzusondern. Mich hatte es damals gewundert: warum gerade ich, warum bin ich es der immer wieder, einem einsamen und unverstandenen Gesetz folgend, diese einsamen naechtlichen Expeditionen antrat, niemals sollte jemand davon erfahren. Und ich erzaehlte ihm nichts von den Alptraeumen, die mich geplagt hatten, diesen Traeumen, nachts wieder zurueck im heimischen Garten in Berlin, es war Sommer und wir spielten die Spiele die Kinder gespielt hatten, als ich erwachte von der kalten Stimme einer Betreuerin, die uns zum morgendlichen Wiegen abkommandierte: du hast eine Tafel Schokolade zugenommen, prima Andreas, und ich triumphierte, denn ich hatte meinen Morgenurin wohlweislich nicht entleert.

Mirko gegenueber aber erzaehlte ich von alldem nichts, stattdessen malte ich ihm mit einem sicheren Schwung des Armes in die Weite der schneeweissen Landschaft, die an uns vorbeirauschte, aus, wie wohl mein naechster Kuraufenthalt aussehen wuerde, jener naemlich, der moeglich wuerde, wenn ich erst das zwoelfte Lebensjahr erreicht haette, das ich jetzt ja nur um ein Jahr unterbot und ich malte mir selbst aus, dass ab diesem Jahr jeder Kurheimaufenthalt etwas von Abenteuer und Erwachsensein haette und dass die Maedchen, die man dort unweigerlich antraefe, tapfer und unerschrocken seien und das Leben gesehen haetten. So also malte ich mir eine Art Panorama des Verwegenen und Erfahrenen aus und in Wirklichkeit war in mir nichts weiter als die nackte Angst, eine nackte, beklemmende und Schweigen gebietende Angst, die meine schweigsame Schwester mir gegenueber ganz erfuellt hatte, die mich hin uns wieder stumm anblickte, wenn die Betreuerin auf ein neues aufgestanden war, um auf dem Gang vor dem Abteilfenster zu rauchen und zu der ich immer wieder gesagt hatte, jedes einzelne Mal: Rauchen foerdert Lungenkrebs, Kettenrauchen verkuerzt die Lebenserwartung immens, das ist so unvernuenftig und jene Betreuerin, die abgeordert war, um vier grossaeugige Berliner Kinder per Intercity in das Kinderkurheim im winterlichen Schwarzwald zu verfrachten, hatte irgendwann nur diesen einen Satz gesagt: halt endlich deinen gottverdammten Mund.

Schweigsam geworden, fast gebrochen, der Wille in diesem jungen immer ein wenig neunmalklugen Menschen schon gebrochen, starrte ich in der einbrechenden Daemmerung auf die schwere Last des Schnees, die auf den geschwungenen Fichten lag, die zu Hunderten und Tausenden vorbeizogen, der Schnee hatte sich in duennen Mauern auch auf die Masten der Hochspannungsgleitungen und die Leitungen selbst gelegt und war nur hier und dort vom Wind hinweggefegt worden und brach dann die Regelmaessigkeit der immergleichen Linien, an denen sich meine Augen festgesaugt hatten, denen sie mit einer mathematischen Regelmaessigeit mechanisch folgten und waehrend die Regelmaessigkeit jener Linien mir eine Geborgenheit verschafte, mich an ein Zuhause erinnerte, an meine geliebten Schaltungen, die ich so zum Verdruss der Familie in jeder Variation herzustellen imstande war, von Lauschanlagen, die mir jedes Gespraech im heimischen Wohnzimmer ein Stockwerk hoeher trugen, bis hin zu heulenden Alarmanlagen und fuer jeden aussenstehenden unbegreiflichen Vorrichtungen, die jedwede Musiksignale ueber die fokussierten Strahlen einer LED durch die gesamte Diagonale meines Zimmers uebertrugen, während ich an die Geborgenheit dieser entdeckergleichen, immer ein wenig ueberspannten Kinderwelt dachte, erinnerte ich mich auch an dieses Wimmern meines Bruders, dieses Wimmern meines Bruders im Nebenbett des Kinderkurheims St. Peter-Ording, ich war kaum sechs Jahre alt, das mir erst bedeutet hatte: du trugst doch keine Schuld, ich trug ja keine Schuld. Buchwald, der Leiter des Kinderkurheims, hatte ploetzlich im hellerleuchteten naechtlichen Zimmer gestanden und gefragt: wer war es, wer hat gepfiffen. Wir hatten uns wohl einen etwas eitlen Streit darueber geleistet, wer die schoenste Melodie auf seinen Lippen zustandebraechte, es war sicherlich zu spaet hierfuer, und mein junger Kombattant im Nebenbett hatte in einem schnellen rettenden Einfall auf mich gezeigt: er war es. Noch dreissig Jahre spater hatte ich mich der unvermeidlich folgenden Schlaege erinnert, rohe Schlaege, ungezielt, ins Gesicht, auf den Kopf, den Ruecken, wie von Sinnen, den kleinen Koerper, der noch immer seinen geliebten Bernhardiner, viel mehr treuer Begleiter als blosses Stofftier, eisern unklammert hielt, dabei immer wieder meterweit aus dem Bett hebend. Buchwald lebte dreissig Jahre spaeter noch immer, in seinem kleinen Dorf am Rande der nordfriesischen Kueste und er war wenige Wochen nach dieser Demonstration von Macht und Willkuer, ich lag krank im Bett, eines mittags an meinem Bett erschienen, hatte mir ueber das Haar gestrichen und mich gefragt, wie es mir gehe. Irgendein kleines Geschenk muss er dabeigehabt haben, das er mir mit feierlichem Ernst ueberreichte und vielleicht war es erst diese erzwungene und furchtbare Naehe gewesen, die etwas in mir hatte zerbrechen lassen, das mit dem Vertrauen in die Erklaerbarkeit einer Kinderwelt zusammenhing, mein Vertrauen in die Erklaerbarkeit einer Welt, die ich nicht begriff.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Irises

Als unser Held, nennen wir ihn Iwan, inmitten des Moors der Ahraniten, die laenger als irgendjemand von ihnen sich erinnern konnte, in erbittertem Kampf mit den Schergen des Behemoth gelegen hatten, eines skrupellosen Herrschers auf der anderen Seite des grossen Grabens, als also Iwan seinen Unterschlupf im Moor der Ahraniten verliess, da war es ihm, als seien die Auslaeufer der Ruinen der alten Stadt, Barania, noch ein wenig unheilversprechender als sonst, ihre unregelmaessigen Konturen reckten sich hier und da aus dem mit gruenem Moos und Schlingpflanzen ueberwucherten Schlick und Iwan musste die gesamte Geschicklichkeit seiner vier Laeufe aufwenden, um den Untiefen der Rinnsale und trueben Wasserlaeufe laengs der gasfoermige Schwaden von Schwefel aussondernden kreisrunden Krateroeffnungen zu entgehen, ein seltsames Schwirren in der Luft, ein Lachen wie von weit her zeigte Iwan dass er nicht allein war: die Schergen des Behemoth hatten ihre Boten bereits ausgesandt, die mit ihren kleinen zackigen Fluegeln von der Ferne an Fledermaeuse erinnerten, aber einen unwirklichen Gesang anstimmten, dessen Schwebungen sich mit grosser Geschwindigkeit bis in die unterirdischen Schaltstellen des Behemoth jenseits des grossen Grabens fortsetzten. Iwan aber beschleunigte nur den geschmeidigen Trab seiner Laeufe und schien nach einer Weile zu fliegen, zu fliegen entlang der duesteren Ruinen von Barania, mit dessen verfallenden Vororten das Reich der Ahraniten zu enden schien und in denen die Verstecke des Moors allmaehlich in eine weite Ebene, unterbrochen nur von den Überbleibseln der ehemaligen Vorstaedte von Barania überzugehen schienen. Horden von Rhinozerossen, die seltsam schwerfaellig und plump, als haetten sie viel zu kleine Hinterlaeufe, durch die Ebene stolperten und dabei immer wieder und wie von Ferne ein merkwuerdiges gurgelndes Grunzen hoeren liessen, signalisierten Iwan, dass er sich dem grossen Graben naeherte, hinter dem nichts mehr war wie hier. Hinter dem grossen Graben, den Iwan schon von weitem anhand der Lichter seiner Befestigungen ausmachen konnte, stieg die neue Stadt Barania novalis wie eine Festung des Lichts und des Krieges aus den Ruinen der alten Stadt Barania. Die Strassenzuege von Barania novalis waren groesstenteils einerseits mit den Rhinozerossen der weiten Vorebene jenseits des grossen Grabens gefuellt, die hier aber durchweg Baraniale-Taschen trugen, die Baraniale war ein grosses und zum Ergoetzen der Rhinozerosse geschaffenes Filmfestival, das groesstenteils Propagandafilme des Behemoth zeigte aber auch hier und da einige Alibi-Werke der oppositionellen Kunst der allgemein verachteten Ahraniten in ihr Programm genommen haette. Andererseits zeigte sich das Gebiet jenseits des grossen Grabens von mit Tiger-artigen Wesen, die groesstenteils mit geschmeidigen Bewegungen und immer auf der Hut vor den Schergen des Behemoth durch die Strassen glitten und durchweg mit den Ahraniten der Vorstaedte und des Moores symphatisierten und geheime Buende mit ihnen geschlossen hatten, besiedelt, diese Tiger-artigen Wesen gehoerten aber zu einem geheimen Reiche, dessen jugendliche Herrscherin den Namen Prinzessin Irises trug und das es sich zum Ziel gesetzt hatte, eines Tages die Vorherrschaft des Behemoth und seiner Schergen sowie der gurgelnden Rhinozerosse, die durch die Jahrtausende des Behemoth willige Vollstrecker gewesen waren, sich aber zumindest immer opportun verhalten hatten, zu brechen. Das geheime Reich der Herrscherin Irises aber hiess Saduzen. Saduzen war ein sagenhaftes Reich, das begann hinter den tausend Mooren und den Ruinen von Barania und das in den Sagen der Aeltesten von geschmeidigen Tiger-artigen Wesen, die in trautem Einvernehmen mit den Woelfen lebten bewohnt wurde und in dem ein Geschlecht von Prinzessinnen mit grosser Weisheit die Geschicke der Polis lenkte, in denen die Tiger und Woelfe in taeglicher Debatte ihre Entschliessungen zu den alltaeglichen Problemen des Reiches Saduzen trafen. Die Vision der Herrscherin Irises aber war es, Saduzen wieder zum Leben zu erwecken und die Rhinozerosse des Behemoth auf die Seite der Tiger und Woelfe und Ahraniten zu ziehen, deren erstere heute groesstenteils versteckt in den Strassen von Barania novalis lebten oder aber bei den Ausgestossenen im Moor, den Ahraniten, unter den Auslaeufern der zerstoerten Stadt Barania, zu denen sie geheime Verbindungen unterhielten. Iwan also naeherte sich dem grossen Graben, noch immer von jenem Lachen wie von weit her begleitet, das auf die Fledermaeuse des Behemoth hinwies und das ihm signalisierte, dass jeder seiner Schritte oberviert worden war, dass er bereits erwartet wurde, erwartet von den Schergen des Behemoth auf dem Weg zu seinem geheimen Treffen im Reiche der Prinzessin Irises.

Das geheime Treffen im Reiche der Prinzessin Irises aber fand im Herzen von Barania Novalis statt und nachdem Iwan mit seinen starken und geschmeidigen Laeufen die letzten Strassenzuege im lockeren Trab genommen hatte, wurde er des Eingangsbereiches zu jenem unterirdischen Gewoelbesystem gewahr, in dem Prinzessin Irises mit ihren Getreuen residierte und das mit einem grossen ‘M’ versehen war, das zum Ziel hatte, die Rhinozerosse, die dieses geheime Treffen fuer ein Konzert im Rahmen der Baraniale hielten, ueber den wahren Zweck der Zusammenkuft zu taeuschen. So also hatten sich die Rhinozerosse, wie immer laut gurgelnd und mit den ueblichen Honigmetflaschen in ihren Klauen, vor dem Eingangsbereich der unterirdischen Gewoelbe versammelt und erwarteten ein unterhaltsames Konzert der Tiger-Band Salariana, von denen sie nicht wissen konnten, dass ihre Saengerinnen enge Vertraute, womoeglich Schwestern, niemand wusste es so genau, der sagenumwobenen Prinzessin Irises waren, die so gut wie niemand, auch niemand von den Tigern und Woelfen, bisher jemals zu Gesicht bekommen hatte.

Iwan betrat also kurzentschlossen den Eingangsbereich der Gewoelbe und gab sich gegeneueber den Tigern am Tresen mit einem kurzen Wink als derjenige zu erkennen der er war, mit ein paar schnellen Blicken ueberflog er die Situation und sah sofort dass die Schergen des Behemoth schon vor ihm eingetroffen waren und ihn mit ihren bohrenden und drohenden Blicken bedachten, die er mit einer schnellen Handbewegung wegwischte, er der er wusste, dass er unter dem Schutz der Prinzessin Irises stand, die die Schergen des Behemoth ebenso begehrten wie sie sie hassten und fuerchteten und auf die sie auch bei diesem Treffen wieder Zugriff zu erlangen trachteten, Zugriff auf die zarte Hand und die maechtige klingende Stimme der Prinzessin Irises, die auch Iwan seinerseits mit fiebriger Anspannung erwartete und die wie eine Elfe ueber der staubigen und duesteren Versammlung der Rhinozerosse und geschmeidigen und konspirative, vertraute Blicke austauschenden Tiger zu schweben schien. Als aber Iwan mit nun doch unsicherem und abgehetztem Blick die schwere Eisentuer zum grossen Gewoelbe oeffnete, hinter ihm ein paar glucksende Rhinozerosse, da schien es ihm fuer einen Augenblick, als saehe er das Gesicht der Prinzessin Irises direkt vor sich, ein feines, fast kleines matt scheinendes Gesicht, das doch voller Wuerde und Entschlossenheit war und ihn daran erinnerte, dass sie aus einem alten Saduzener Kuenstlergeschlecht entstammte, dessen Zuege sie trug, ihr Gesicht blitzte also fuer einen Moment aus dem Dunkel elfengleich vor ihm auf und er taumelte leicht zu Seite, wie von einem geheimen Donner geruehrt, als er sich aber umblickte war dort nichts, waren dort nur die beiden Rhinozerosse, die ihn verstaendnislos angafften und ihr Met gurgelnd aus ihren Lefzen prusteten. Iwan wischte sich den Schweiss aus dem Gesicht und suchte fuer einen Moment Zuflucht hinter einem gewaltigen Stalagmiten, der das grosse Gewoelbe in seinem Zentrum überragte, und liess die gewaltige Versammlung von Rhinozerossen und vertraute Blicke tauschenden Tigern und Woelfen fuer eine Weile auf ihn wirken, ein stampfender Rhythmus hatte das Gewoelbe durchdrungen und die Menge zuckte und brodelte wie sie es anlaesslich der geheimsten und tiefsten mythischen Feste der Stadt Barania getan haben musste und Iwan wartete auf ein Zeichen, ein Zeichen, das er von den Schwestern der Irises glaubte erhalten zu muessen und versenkte seinen Blick fuer einen Moment in sich selbst.

Während er aber seinen Blick in sich selbst versenkt hatte, wurde er wieder der Geschehnisse gewahr, die ihn zu diesem Treffen gefuehrt hatten und die ihn auf eine geheime Art mit dem Leben der Prinzessin Irises verbanden, er erinnerte sich an den einsamen Tod der Woelfin Maralia, einer engen Vertrauten der Irises, die in einem heldenhaften Kampf gegen die versteckten Ambitionen des Behemoth am Barania-Theater schliesslich aufgegeben hatte, keine Kraft mehr gehabt hatte und er erinnerte sich an das Ende der Tigerin Parasalia, die in ihrer verzweifelten Liebe zu Edgarius, dem Wolf, immer verneint hatte oder nicht gewusst hatte oder es nicht hatte wahrhaben wollen, dass er laengst einer jener Schergen des Behemoth geworden war und die unter seinen Haenden gestorben war, draussen vor den Ruinen der alten Stadt Barania, die ihn bis zuletzt geliebt hatte und die man gefunden hatte in den Mooren der Vorstaedte von Barania und fuer deren Tod ein Ahranit aus der Umgebung der Moore von Barania festgenommen und verurteilt worden war, unter den vergeblichen Protesten der Bewohner der Ruinen der Vorstaedte, an all das erinnerte er sich in diesem Moment als er ploetzlich jener schoenen Woelfin gewahr wurde, die in der brodelnden und zuckenden Menge vor ihm erschienen war, die wunderbar glaenzendes schwarzes Fell hatte und die ihr geschmeidiges Hinterteil ein wenig im Rhythmus der stampfenden Takte bewegte und die sich ploetzlich umdrehte und ihn anblitzte aus ihren hellen wunderbaren Augen, die waren wie der Himmel ueber dem mythischen Saduzen und mit einem Schlag war ihm klar dass sie niemand anderes als die Schwester der Irises, Iriana war und so schnell wie sie aufgetaucht war, so schnell verschwand sie im Dunkel der amorphen brodelnden Menge, aber ihre Augen hatten ihm doch fuer diesen einen Moment bedeutet: wir haben dich erwartet Iwan, wir haben gewusst, du wuerdest kommen.

Unterdessen hatte sich die Menge fuer einen Moment geteilt und in ihrer Mitte, unter allseitigem ehrfuerchtigen Staunen und Jubel, erschienen die Tiger der Band Salariana, zumindest deren maennlicher Teil, deren legendaere Instrumente, die groesstenteils nach dem Prinzip der in grauer Vorzeit, noch lange vor dem grossen Krieg, im alten Barania entwickelten Helmholtz-Resonatoren funktionierten und von denen man sagte, dass die Tiger der Salariana-Band damit nicht nur Musik und Toene auf das vortrefflichste erzeugen, sondern die Schergen des Behemoth je nach Belieben und durch geheime Resonanztechniken zur sofortigen Kampfunfaehigkeit bringen koennten. Nicht nur deshalb ging ein ehrfuerchtiges Raunen durch die Menge, als die Tiger die Buehne betraten, aber Iwan fieberte dem Auftreten der Schwestern der Irises entgegen, die sich aber zu seiner Enttaeuschung nicht blicken liessen und stattdessen war dort ploetzlich, zum schrillen Erstaunen der Menge eine wunderbar schoene Frau im Lichtkegel, die niemand meinte, jemals zuvor gesehen zu haben und von der man nur wusste und sah, dass sie ein wenig Tiger, ein wenig Wolf und ein wenig Ahranit war, sie trug eine Art Maske eines Falken und die Menge raunte von einer seltsamen Magie, die moeglicherweise ueber das Leben hinauswies und auf einen Bereich zwischen Leben und Tod zielte, aber niemand wusste genaueres und Iwan schien es, als wuerden die Augen dieser Frau, deren Fell in allen Farben zwischen einem warmen braun, einem strahlenden gelb und einem verstoerenden rot schimmerte, direkt in sein flammendes und einsames Herz zielen.

Irises aber trug auf ihrem Ruecken einen weitgespannten Bogen sowie Pfeile von denen man sagte, sie koenne sie laengs von Zeit und Raum und, wenn es sein muesse, durch den gesamten Erdball ihren Opfern mitten ins Herz schiessen und ihre Stimme besaesse eine Magie, die jedermann der sie hoerte, in seine Kindheit zurueckbraechte oder in fernere Leben und die eine Sehnsucht barg, die fuer das menschliche Ohr unerhoert war und von der man sagte, dass niemand sie aushalten koenne, ohne seinen Verstand und sein Herz augenblicklich an Irises zu verlieren. Iwan aber kauerte sich fuer einen Moment hinter jenem Stalagmiten zusammen und meinte, das Rauschen in seinen Ohren wuerde sich zu einem Konzert steigern, das ihn um seinen Verstand braechte, durch die staubigen Lichtblitze des grossen Saals schienen die Schwestern der Irises mit ihrem ihm so sehr bekannten irisierenden Gesang zu ihm zu sprechen, aber er verstand sie nicht, auch meinte er in seiner Verwirrung Bajala zu erblicken, die Kusine der Iresis, von der er wusste dass sie als Anarchistin mit den Tigern und Woelfen im neuen Barania lebte aber ein grosses und geheimes Reich jenseits der grossen Seen im Reiche der Americi hatte, die von einem Ahraniten mit Weisheit gelenkt wurden, aber in dem noch immer ein Teil der Ahraniten, ganz wie in Barania, in den Ruinen der Vorstaedte leben musste. Bajala entstammte einer Familie von Kuenstlern und Zauberern, die in Americi verehrt wurden, die aber vor Jahrhunderten schon von den Schergen des Behemoth aus Barania verstossen worden waren, weswegen sie in den Verstecken der verwinkelten Strassen von Barania mit den Tigern lebte, als eine von ihnen. Bajala und Irises aber, obwohl sie in einem staendigen Zwist und kleinen Eifersuechteleien lebten, wuerden gegen die Schergen des Behemoth und die Gleichgueltigkeit und den Opportunismus der Rhinozerosse immer zusammenhalten, das hatten sie sich einst geschworen, sie wuerden niemals die Hand gegen die andere erheben.

Aber Iwan wusste laengst, dass es sich bei dieser Frau, die ploetzlich ihr feines und matt schimmerndes Gesicht freigab, das aber nur er sehen konnte, um die, wie er sich kaum eingestand, so sehnsuechtig erwartete Irises handelte und er stand wie vom Donner geruehrt und dabei noch immer zagend in der tosenden Menge, die jede ihrer Bewegungen, jede ihrer Lippenbewegungen mit andaechtiger Spannung und tosendem Beifall bedachte, ihre Worte waren die einer seltsamen und feinen Lyrik, die nur wenige verstanden, die aber alle um ihrer Bedeutung wegen in sich brennen fuehlten, nicht nur die Tiger und Woelfe, sondern auch die Rhinozerosse, die fuer einen Moment selbst ihr Met vergassen, nur die Schergen des Behemoth verharrten in starrem Hass und Iwan fuehlte sie hinter sich, ihre bohrenden Blicke, ihre toeten wollenden Worte. Aber Irises hatte ihre starke Hand fuer einen Moment erhoben und die Schergen des Behemoth schlugen zurueck in die Menge, als sie sich Iwan schon hatten annaehern wollen, als sie Besitz von ihm ergreifen wollten und die ein wenig traurigen und ein wenig suchenden, gluehenden Augen der Irises hatten gesagt, wie Iwan sich einbildete in seinem Wahn, stehend in dem Getoese der Menge und den Klaengen der Irises, die ihn wie auf breiten Schwingen von majestaetischen Adlern die sich aus dem Gewoelbe emporhoben in eine andere Welt trugen, verzage nicht Iwan, denn dies ist nur der Beginn, dies ist nur der Anfang, vielleicht eines anderen Lebens in einer uns fernen Welt, in der ich es fuer dich regnen lassen werde, wenn du magst, in der du das Mondlicht an meinem Fenster sein wirst, wenn du es willst, in der wir nicht allein sein werden, mein lieber Freund und in der wir leben koennen werden, wenn wir es wuenschen, leben koennen werden fuer immer.

Als aber Iwan schon meinte, er wuerde sich mit Irises auf vier Adlerschwingen, seine noch ein wenig zitternde Hand sicher in der ihren und das Tosen des kuehlen Windes in den Ohren, dem blaeulich und schwarz schimmernden Firmament naehern, Barania und die Gewoelbe weit unter ihnen, da kam ploetzlich Bajala mit einem BMX-Himmelsfahrrad und einer Schiebermuetze auf ihrem Tigerkopf des Weges und sagte: ‘hey jo, Iwan und Irises, ha ha, das wusste ich ja, kommt ma klar ihr beiden’ und sie gab Iwan einen schmerzhaften kleinen Stoss auf seine Hinterlaeufe und umrundete die beiden lachend ein paarmal, ploetzlich waren auch die Schwestern der Irises und die gesamte Band Saralaria auf Falken und Adlern durch die kuehle Nacht gleitend zugegen und man stimmte mittels der Helmholtz-Resonatoren ein paar harte Riffs an und es erhob sich ein wunderbarer Gesang der Irises und ihrer Schwestern, die ihre Kinder und ihre gesamte Familie mitgebracht hatten und Bajala rappte ein paar quengelnde Lyrics dazu und stuffte Iwan immer wieder in die Seite der sich schliesslich unter lautem Protest von Irises und Bajala links und rechts einhaken liess und man verschwand, die gesamte Stadt Barania in ihrem Schatten zuruecklassend, in die aufgehende Sonne, heading south, und liess das Land des Behemoth hinter sich, liess es einmal hinter sich und verschwand fuer Wochen und Monate, niemand wusste genaueres, während man aber so allerlei mutmasste, im geheimen Reiche Saduzen, das an diesem Morgen im Fruehling erstmals ueber den Ruinen der Stadt Barania daemmerte und niemals wieder verschwinden sollte.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Am Morgen

Es war einer dieser drueckenden Berliner Tage im spaeten April, ein Tiefdruckgebiet ueber den Azoren und die subtropische Luft an desssen Suedflanke muss diesen Berliner Fruehlingstag zu einem Fruehsommertag gemacht haben und er stolperte durch Berlin Mitte. Die Strasse lag rauh und fast im Dunst dieses viel zu warmen Tages, die Schuhe der wie schoene und stolze Kriegerinnen den Bezirk praegenden Frauen, ihre hochhackigen Schuhe, ihre muskuloesen Beine und Hintern schienen die Strassen zu einem Parcours des Schreckens und des Begehrens zu machen, er hielt kurz inne und trat in das kuehle aber stickige Vorzimmer der Sparkasse am Hackeschen Markt, er hielt einige Scheine in der Hand, das Papier lenkte ihn kurz ab, draussen stand eine Prostituierte, ihre Schuhe hoch an ihren langgestreckten und dabei kraeftigen Beinen, ihre Brueste wie ein Waffenssystem einer fernen zukuenftigen Zivilisation aufgereckt vor ihr, braungebrannt, wie aus Stahl, sie dreht sich, wiegt sich in den Hueften, er stolpert auf die Strasse, zoegert kurz und tritt auf sie zu: wieviel kostet es denn. Fuer einen Moment erstarrt sie, ihre Brueste scheinen sich noch ein paar Zentimeter hoeher zu bewegen, sie starren ihn an, ihre Augen sind grau blau und hell, sie sagt: 80 euro, es kostet achtzig euro fuer eine Stunde, sie starrt ihn noch immer an, er wendet kurz den Blick um zu sehen, wie zwei kraeftige kurzgeschorene Maenner weiter die Strasse herunter die Szene interessiert und misstrauisch beaeugen. Ihr Koerper vor ihm ist gestrafft, er glaubt sie ein wenig schneller atmen zu sehen und er taumelt kurz, wendet sich dann ab und stuerzt die Strasse weiter hinunter, an den draussen sitzenden wartenden jungen und hippen jenes Pizza-Imbisses vorbei, zwei der dort sitzenden Studentinnen scheinen ihm verschwoererische Blicke zuzuwerfen, er tut, als habe er sie nicht gesehen, die Sonne hat sich derweil herabgesenkt, die Strasse reflektiert noch fuer einen Moment den Glanz eines staubigen Tages, er stolpert unentschlossen die Oranienburger herunter um schliesslich in eine gerade anfahrende Strassenbahn zu steigen, die Tueren schliessen sich, in rauschendem Tempo schiessen die Studentinnen an ihm vorbei, jene Prostituierte, die wieder seinen Blick aufzufangen scheint, fuer einen kurzen Moment, er wischt sich ueber das Gesicht, wendet sich ab, ein Brueten.

Am Abend in Prenzlauer Berg, eine jener seit Jahrzehnten unsanierten Hinterhofwohnungen, zweiter Hinterhof, Efeu gegenueber, matt erleuchtete Fenster, moderiger Geruch von Brandmauern, im Flur seiner Wohnung haben sich die Reste des Winters, eines verzweifelten monatelangen Kampfes gegen die Kaelte, zu einer dicken Patina aus Kohlenstaub und Zeitungen verfestigt, er schaltet das Licht an seinem Schreibtisch ein, der rechts des Bildschirms mit einem hohen Wall aus Aufzeichungen, Mitschriften und Rechnungen wie eine Barriere vor dem Fenster liegt, das Telefon, der Anrufbeantworter starrt ihn fuer einen Moment an, keine Nachricht, nicht einmal ein Anruf, wie immer. Ihm faellt die zitty in die Hand, ein Bericht ueber Schwaben und die Lieblingsfeinde der Berliner, er schuettelt den Kopf, seine Haende zittern fast, ein fiebriges Blaettern, als er die Kleinanzeigen ziellos durchforstet, es gibt in dieser zitty ein Sonderheft: Fisch sucht Fahrrad in Berlin, er muss kurz ueber dieses verunglueckte Bild nachdenken. Er kalkuliert kurz, wann er das letzte mal eine zitty kaufte, es muss Jahre hergewesen sein und schlaegt schliesslich zielstrebig die Seiten auf, die von den immer gleichen Dingen kuenden: hart und zart, starke Haende, ruf mich an, er schuettelt wieder den Kopf, diese abgeschmackten Worte, die Menschen finden keine anderen Worte als abgeschmacktes fuer die Dinge, die ihr heimlichstes Ich beruehren. Er geht einige duenner gedruckte Anzeigen durch, sein Blick bleibt wahllos haengen an einer: schoene schlanke Frau besorgt es dir. Er waehlt die Nummer, eine maennliche Stimme mit leichtem Akzent meldet sich, er weiss fuer einen Moment nicht was zu sagen, die Stimme sagt: welche moechten Sie denn, welche moechten Sie, wir haben zwei Bruenette und eine Blonde, alle sehr schlank, schoene Figur, er zoegert fuer einen Moment und sagt: die Blonde, ich moechte die Blonde.

Die Nacht scheint sich wie ein Daemon ins Zimmer zu biegen, die glimmenden Fenster von gegenueber wie Irrlichter in einem Moor jenseits der erschreckend gleichgueltigen Saturnmonde, er meint einen Moment, das Kontinuum von Zeit und Raum um ihn herum wuerde sich aufloesen als er aufspringt und fiebrig die Patina aus Kohlestaub und alten Zeitungen in seinem Flur mit einer schnell zusammengeschuetteten Meister-Proper-Loesung aufquirlt, er weiss, er hat noch neunzig Minuten, vielleicht etwas mehr, die gelbliche Patina unter ihm scheint sich mit jedem Versuch, Wasser aufzutragen zu vermehren, nach einer Weile faerbt sich das Wasser im Eimer braun, der Boden wird rostrot sichtbar unter einer gelben waessrigen Schicht, er gibt es irgendwann, heiss und schwer atmend auf, sein Herz rast, noch sechzig Minuten.

Er setzt sich in seinen altbekannten Sessel, jenen Sessel, der ihn durch alle Pruefungen seines Studiums, noch im elterlichen Haus, als eine Art Plattform in andere Welten, vielleicht kaeltere Welten, vielleicht mystischere Welten, begleitete. Er blickt starr auf die Wand gegenueber, noch dreissig Minuten. Ploetzlich faellt ihm sein Bett ein, er zieht ein frisches Laken aus dem Regal, fiebrig fummeln seine Haende das Laken um die Matratze, noch fuenfzehn Minuten, das Bett, sein staubiger Futon, scheint passabel, noch fuenf Minuten. Er ruft dieselbe Nummer an, eine Frauenstimme meldet sich, tonlos. Er zoegert kurz und fragt dann mit seinem ganzen Mut in entruestetem Ton, fast hoffnungsvoll: kommen Sie heute noch oder wird es nichts mehr. Die Frauenstimme am anderen Ende ist aergerlich-routiniert: in zwanzig Minuten sind wir da. Er schweigt einen Moment, seine Stimme schwankt schliesslich, ahja, nun gut, entschuldigung, es gibt kein Entrinnen. Sie muss etwas gemerkt haben, denn am anderen Ende gibt es ein Zoegern, ein kuerzes Raeuspern und sie sagt nur, fast sanft wie es ihm scheint: bis gleich.

Als sich die Tuer oeffnet, steht eine blonde junge Frau von vielleicht 25 Jahren vor ihm, sie blickt ihn starr an, fast entsetzt. Ihre Zuege sind die einer jungen Frau, aber um ihren Mund meint er diesen leidenden Zug zu sehen, eine Art Zug um ihren Mund, wie ihn Menschen haben, die das Leben gesehen haben, das Glueck und das Grauen. Sie traegt einen hellbeigen Ledermantel, ihre gleichfarbigen oder weissen samtenen Hosen sind enganliegend und unten geschnuert, ihre ebenso geschnuerten hochhackigen weissen Schuhe geben den Blick auf ihre nackten braungebrannten Fesseln frei, ihre kraeftigen und schlanken Beine scheinen kein Ende zu nehmen, Sie tritt mit einem langen Schritt in seine Wohnung und reicht ihm mit einem schiefen Laecheln die Hand: ich bin V., sagt sie und ihr Blick und ihr Schritt ist genauso forsch wie er unsicher ist, sie tritt unversehens ueber die inzwischen angetrocknete noch immer gelbliche Patina im Flur hinweg und steuert zielstrebig auf seinen Schreibtisch zu, kann ich kurz telefonieren sagt sie. Sie beugt sich herab, ihre Beine wie Elfenbein vor seinem Schreibtisch, waehlt kurz eine Nummer auf seinem Telefon und sagt: es ist ok, ich rufe dich wieder an, wenn es vorbei ist.

Sie setzen sich auf die Unterkannte seines Bettes, er kramt einige Scheine aus seiner Hosentasche hervor und drueckt sie ihr in die Hand, sie nimmt sie wortlos, rollt sie zusammen und versteckt sie in einem winzigen Etui. Wir blicken auf ihre Beine, die wie Statuen glaenzend und leicht gebogen, neben ihm aufragen. Sie nestelt an ihren Schuhen und steht kurz auf, ihr schlanker Hintern ragt neben seinem Gesicht auf, sie dreht sich ein wenig, er zoegert kurz und legt das Gesicht auf ihren Hintern, nur fuer einen Moment. Sie setzt sich wieder, sie traegt nur noch ihren Slip, ihre hochhackigen Schuhe und ihr langes blondes Haar, das um ihre Schultern faellt und sie sagt, sie wohne in einer WG in Prenzlauer Berg und sie fuehre ein ganz normales Leben. Sie sagt, sie habe ein Kind und sie wolle noch Psychologie studieren, sie sei gut in Psychologie und sie blickt ihn kurz an, wortlos. Er zieht unbeholfen sein T-Shirt aus und versucht ebenso unbeholfen, sie durch Anspannen seiner Rueckenmuskeln irgendwie zu beeindrucken und sie legt sich leicht zurueck und sagt Sexualitaet ist wichtig, sie macht eine Pause und sie blickt ihn kurz an und sie laechelt ein wenig, fast verlegen, als sie sagt: weisst du, ich bin rasiert.

Ihr suesser Geruch, ein mir unbekanntes Parfum, scheint sich wie Weihrauch um meinen doch eigentlich so staubigen Futon zu legen, es scheint wie eine andere Welt: eine Welt die von Sonne kuendet, von nach Sonne riechender Haut, von Freiheit und von dem Gefuehl nicht allein zu sein, nach langer Zeit nicht allein und ich lege meinen Kopf, mein Ohr auf ihre Brust und bin entsetzt oder geruehrt ihren Herzschlag zu hoeeren, ein Mensch und ein menschlicher Herzschlag. Ich wusste dass es ihr angenehmer war, ich wuerde ihre Scham genauer in Augenschein nehmen, anstatt meine unbeholfenen Versuche, die verbotenen Kuesse auf ihren Mund, ihr empfindliches Makeup, wie sie routiniert durchblicken liess, durch laengere orale Untersuchungen ihres Kieferknochens zu ersetzen, fortzusetzen. Sie hatte wunderschoene ovale braungebrannte Arme und ich sagte irgendwann, dieses Moment von Willkuer liess mich erschauern, sie solle sich umdrehen und sie drehte sich um und ich legte mein Gesicht auf ihren Ruecken, ihren Hintern, ihre Beine, irgendwann lag sie wieder auf dem Ruecken und ich widmete mich ihrer Scham, die leicht nach jenem Parfum und leicht nach Gummi roch. Mir war mit einem mal klar, dass dieses fuer mich so seltsame und aussergewoehnliche Ereignis, einem Menschen nach Jahren derart und auf diese Art nahe zu sein, fuer sie die Routine der Jahre bedeutete und ich erinnerte mich daran, dass ich zuvor, in jenem Sessel sitzend, der mich durch jene Jahre der Kargheit oder der mystischen Erkenntisse begleitet hatte, beschlossen hatte, sie nicht zu beruehren, mich ihr zwar anzunaehern, sie zu riechen und zu schmecken aber sie nicht zu beruehren.

Sie holte irgendwann das Kondom hervor, dieses Kondom das noch heute bei mir zwischen Urkunden, Briefen aus der Kindheit und Behoerdenpapieren herumfliegt, sie laechelte fast ein wenig triumphierend, aber ich hatte gesagt oder gefluestert: nein, dazu wird es nicht kommen. Unsere Zeit musste bald vorbei sein, mir schienen Wochen vergangen, sie hatte gesagt, Andreas wirst du jemals wieder eine Frau anschauen und ich hatte nicht verstanden und sie hatte gesagt, ihre Brueste seien nicht schoen und ich hatte gesagt nein gefluestert, deine Brueste sind wunderschoen und ich hatte sie umfasst, als wir dort noch einen Moment lagen und sie wortlos aus dem Bett glitt.

Sie war ploetzlich angekleidet, ihre langen Beine in jener weissen samtenen Hose, sie standen wie zwei elfenbeinerne schlanke Saeulen vor meinem Schreibtisch und sie hatte mein Telefon abgehoben, ohne zu fragen, sie hatte jemanden am anderen Ende gefragt, ob es schon Zeit sei und sie hatte es ploetzlich sehr eilig gehabt. Sie schien auf eine Art schweigsam, verschlossen, es schien dieser Graben der Realitaet zwischen uns zu sein der fuer eine Stunde oder fuer ein paar Minuten zwischen uns aufgehoben gewesen war und ich hatte sie, noch als sie dort am Telefon stand mit dem Mut der Verzweiflung sanft zwischen ihre Beine gefasst und mich ihr angenaehert und gesagt: so haette es sein sollen.

Sie nahm den Weg ueber mein Bett, ihre hohen Hacken tief in den Futon stechend, im Flur war ihr Blick schweigend ueber jene gelbliche-braune Patina geglitten, und an der Tuer hatte ich sie noch umarmt, etwas hilflos, ihren kuehlen Ledermantel, aber sie war schon weit entfernt. Wir hatten nichts mehr gesagt und die Tuer schloss sich und ich habe sie nie wieder gesehen.

Einmal in Prenzlauer Berg, Monate spaeter, meinte ich sie gesehen zu haben, jemand überholte mich im Laufschritt und obwohl sie ganz anders gekleidet war, ihr Mantel, ihre Schuhe, meinte ich sie an ihrer schlanken Silhouette und ihrem Haar erkannt zu haben. Sie entschwand in einen roetlichen Abend, die Blaetter des Herbstes fegten ueber die Strasse und ich habe sie nicht angerufen, ich habe nichts gesagt und ich habe sie nicht ueberholt um sie nach dem Weg zu fragen. Sie lebte in einer Welt, zu der ich keinen Zugang hatte, ich lebte in einer Welt, die ihr fremd und fern war und unsere Wege hatten sich gekreuzt fuer eine Stunde der Einsamkeit, eine Minute des Erkennens und eine Sekunde der Naehe.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Das Meer (2)

Wir waren an diesem Tag, die Sonne hoch am Himmel, aus jenem verlassenen Hotel gefluechtet und waren die Strassen durch diese gruene Landschaft der Huegel und des Lichts gegangen, Yolanda hatte ihre Kekse gegessen und gesagt, ‘Andreas, you have given me something to eat when I was hungry and you have given me shelter when I was homeless.’ Und ich hatte ihr Haar betrachtet, in dem sich die Sonne vielfarbig spiegelte und von meiner Kindheit erzaehlt, den seltsamen Reisen in suedliche Gefilde, die uns nach viel zu langer Fahrt an Strassen wie diesen hatten rasten lassen, die ploetzlichen Gerueche der Natur als Erloesung, das Gruen kuehl unter den nackten Fuessen. Yolanda hatte auf einen streunenden Hund gewiesen, der uns scheu mit grossen Boegen überholte und umlief und sie hatte gesagt, dass einer dieser Hunde in der Stadt ihrer Kindheit ihr Freund geworden sei und ich hatte gesagt, dieser Hund, er sei ein wenig wie sie, ein Ausgestossener, ein Vagabund aus eigenem Recht.

Wir hatten die naechste Nacht in meinem Zelt verbracht, auf einem kleinen Platz den uns die Eigener eines Restaurants zugewiesen hatten, die uns vor den Wildschweinen weiter unten im Tal gewarnt hatten, und wir hatten im Mondschein in die kuehlen Nebelschwaden dieses Tals gestarrt und uns vorgestellt, wie dort die Wildschweine ihre Rituale der Finsternis pflegten. Wir hatten nur einen Schlafsack gehabt und ich hatte gesagt, sie koenne in diesem Schlafsack schlafen und ich versuchte es mit einigen Kleidern, schliesslich aber hatten wir uns zusammen in den Schlafsack gezwaengt, unsere Gliedmassen überall zuviel, sie aber hatte ihren Hintern gegen mich gedrueckt, mit ein paar leichten Bewegungen und ich war hinuebergegangen in einen traumlosen Schlaf.

Am naechsten Morgen stand ihre Mutter in der Kuehle des vormittags und hatte den Kofferraum ihres Wagens geoeffnet, sie trug ein Kostuem, einen strengen Rock und sie wechselten schnelle Worte auf portugiesisch, Yolanda gestikulierte und ich konnte die Ohnmacht in ihren Augen sehen und die Vorahnung. Ihre Mutter hatte ihr, wie Yolanda spaeter erzaehlte, einen Job in einer nahen Fabrik organisiert, sie hatte das als ein Privileg betrachtet, ein Privileg, das ihre Tochter, ohne jede Ausbildung und Schulabschluss, die Stirn hatte auszuschlagen. Wir stiegen zu Yolandas Mutter ins Auto und kehrten entlang entschlossener Kurven zurueck in die Zivilisation.

Es war ein kleiner Ort in der Naehe von Porto, wir lagen abwechselnd auf Mittelinseln von Kreisverkehren oder in kleinen Parks und ich horchte der Zwiesprache Yolandas mit ihrer Schwester und deren Freundinnen. Ihre Schwester hatte micht betrachtet, als ich dort im wechselnden Sonnenlicht des drueckenden Nachmittages lag und ich konnte in ihrem Blick sehen, dass sie ihrer Schwester alles an mir missgoennte. Yolanda wurde leiser, sie schien mit jeder Minute, innerhalb derer sie im Kreise ihrer Kindheitsstadt und ihrer Familie verbrachte, ein anderer Menschn zu werden, ihr forscher Blick war gebrochen, ihre bestimmten Weisungen waren einem Schweigen, einer Vorahnung, fast einem Klagen gewichen und als der Abend anbrach sagte sie zu mir: ‘Andreas, we will bring you to a place at the sea, where you can do camping. My brother will take us there, you will see, he’s cool’.

Ihr Bruder war jung und kraeftig und blond, in seinem Gesicht trug er die Zuege einer Seefahrernation, die jahrhundertelang die Weltmeere beherrscht hatte, wir hatten uns an einem Platz ausserhalb des Dorfes getroffen, an dem Yolanda versuchte zu verhandeln, ihn zu etwas zu überreden, das ich nicht verstand. Eine halbe Stunde spaeter aber rasten wir ueber eine Landstrasse in einem offenen Jeep die Kueste entlang, ich konnte die salzige Luft riechen, sie Sonne sengte noch immer von einem strahlend blauen Himmel herab, ich hatte Yolandas Hand gehalten und hatte immer wieder in in ihre blauen, strahlenden, mich aufheitern wollenden Augen voller Traenen geblickt, die mich ein letztes mal trafen, als wir uns, vor dem Campingplatz stehend, verabschiedeten. Yolanda weinte nicht mehr und sie hatte Trotz und Hoffnung in ihren Augen und drueckte mir ein kleines rotes Blatt Papier in die Hand, das in einer runden, fast kindlichen Schrift, ihre Adresse enthielt. Und in dem Staub des Jeeps hatte ich sie verschwinden sehen in eine Realitaet, die nicht die meine war und in die ich Einblick gehabt hatte fuer eine neblige Nacht, fuer einen Tag des Vergessens, eine Stunde der Naehe, einen Nachmittag der Erinnerungen, einen Mondschein der Angst.

Sie hatte mir zweimal nach Berlin geschrieben, ihren ersten Brief hatte sie an ihren ‘beautiful friend’ gerichtet und sie hatte von ihrem Leben berichtet, von ihrer Hoffnung, noch einmal nach Amsterdam zu fahren, mit ihrem Kind, von der Arbeit in der Fabrik, die sie abgebrochen habe, von ihrer Mutter die ihr jeden Umgang mit Maennern verbiete. Ihr zweiter Brief erreichte mich einige Monate spaeter, sie schrieb, mein Brief an sie muesse verloren gegangen sein und sie wisse, dass ich ihr in jeden Falle zurueckgeschrieben haette.

Ich habe ihr nie geantwortet, meine Anrufe hatten sie nie erreicht, ihre Briefe, ihre Traenen unter ihren Zeilen, sie verschwanden irgendwo zwischen Kindheitserinnerungen und Unidiplomen. Ich habe sie niemals wiedergesehen, und doch wird sie fuer mich immer jene Frau mit dem unsicheren Laecheln, dem wunderbar blau-gebluemten Kleid und den strahlenden und fragenden Augen bleiben, die ihr Leben niemals hat leben duerfen und die auf eine Art immer allein geblieben war und doch niemals ihren stolzen Mut verloren hatte, ihre Unbeirrteheit, ihre Wuerde.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

fuer M.

vielleicht war es dein Herz dein Koerper
die keine Kraft mehr hatten
ihn zu tragen
deinen Kopf oder dein sein

es war an einem wintertag
in einem theater, eine party wohl auch
als ich dich fragte
wie es gewesen sei
das stueck

und du hattest gesagt
du seist dabei gewesen
deine augen waren aufgeblitzt
und wir hatten gelacht
und nichts mehr gesagt

es war an einem sommertag
in kreuzberg, ein park wohl auch
als jene Frau, die mir fast unbekannt
gewesen war, bis zu diesem tag
dein Foto gezeigt hatte

und ich hatte gesagt
ist dies nicht die frau
die den kindergarten angezuendet hatte
und wir hatten gelacht
und nichts mehr gesagt

und es war an einem tag im herbst
in einem park wohl auch
also du knapp an mir vorbeigingst
meine gedanken kauernd in einer anderen welt
und wir hatten uns fuer einen moment angeblickt
nahezu
und nichts mehr gesagt

diese bilder von dir, M.
werde ich nie vergessen
und eines tages

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Das Meer

Der Bahnsteig war übervoll, es war ein stickiger, dumpfer Sommertag in Berlin und auf dem Bahnsteig des Bahnhofes Zoo waren daraus ein Konglomerat aus Schatten und schweissnassen Gesichtern, aus behende rollenden Koffern, aus verkeilten Touristengruppen, wartenden Rucksack-Globetrottern und einem Dunst aus schwerem Oel, aus metallischem Geruch von Bremskloetzen, Menschenschweiss und dem schrillen Ziehen der bremsenden Zuege geworden, ich bahnte mir meinen Weg durch die meine kuenftigen Tage ankuendigenden Menschengruppen, schon morgen wuerde ich in Frankreich sein.

Eine Mittelmeerhitze, spanisches Stimmengewirr im Gang, ein Zerren und Ziehen an Koffern und Kinderhaenden, ich stehe im Gang und halte die Luft an, eine Sekunde zwei Sekunden drei Sekunden, der Zug nach Portugal faehrt am franzoesisch-spanischen Grenzbahnhof an, ich werfe noch einen Blick auf die jungen Rucksackreisenden auf dem Bahnsteig vor mir, die es in die gruenen Berge der an die franzoesische Mitelmeerkueste wie schlanke Riesen grenzenden Pyrenaen zieht, ich stelle mir vor, wie ich einer von ihnen bin und mit jener dunkelhaarigen, unbekannten Frau, wohl Studentin ist sie, vor dem Zelt am Lagerfeuer sitze, es gibt Bohnen vom Gaskocher, ein paar frische Pfirsiche und ein wunderbares Lied auf der Mundharmonika. Das unsanfte Rucken des Zuges und das Stossen einer Kindergruppe wirft mich aus meinen Gedanken, ich fuege mich dem Strom der Reisenden und lasse mich treiben auf der Suche nach einem Abteil, deren jedes sich wie eine Art kleine Welt hinter jedem der nur halb zugezogenen Vorhaenge dem vorbeilaufenden oeffnet, Mandarinenschalen auf verschwitzten Hosen, ein engumschlungenes junges Paar, eine Gruppe schlafender ineinander verkeilt, ich drehe mich unvermittelt um und weise eine blonde schoene Frau, wohl Studentin, auf englisch darauf hin, dass es nur eine Frage der Zeit sein koenne, bis sich ein leerer Platz in einem der Abteile finde und dass dies wohl wirklich einer dieser spanischen Zuege nach Portugal sei, einer dieser Zuege nach Portugal.

Ich sitze schliesslich gluecklich in einem jener Abteile, die Vorhaenge halb zugezogen, ein frischer Luftzug von halblinks und eine laute spanische Diskussion ueber Politik, Fidel Castro und die Familie, vor mir jene blonde Frau, ihr Gesicht ist glaenzend vom Schweiss, zart oval und gebraeunt, neben ihr ihr Freund, sie sind Deutsche, sie sagen, sie seien auf dem Weg in eine Finca, die ein mit ihnen befreundeter Biobauer dort fuehrt, eine portugiesische Biofinca, sie freuen sich auf ihren Urlaub, es sei mitten in der ‘Einoede’ wie sie sagen. Sie ist schoen, sie traegt, wie er, weisse Leinen und ihre zart gebraeunten Arme und Linien zeichnen sich darunter sachte ab, sie schaut mich mit einer Mischung aus Neugierde und Belustigung an, sie fragt mich, was ich vorhabe, ich sage, ich wisse es nicht, ihre Augen funkeln. Wir haben eine kurze Diskussion ueber unsere wirklichen Leben in Deutschland, er, der Sandalen traegt und auffaellige Locken, sagt, er geniesse es, auf diese Art ‘auszusteigen’, nur fuer ein paar Wochen, er sagt, er habe einen Job bei einer Softwarefirma, ich frage nicht genauer nach, als ich sage, ich studierte Physik schaut sie mich fuer ein paar Sekunden an und fragt dann: an der Fachhochschule?

Der Zug steuert unterdessen der Daemmerung entgegen, die blauen Augen der mir gegenuebersitzenden Studentin mustern mich noch immer mit diesem Gemisch aus Unglaeubigkeit, Befremden und Spannung, ich schaue auf ihre schoenen gebraeunten Beine, die hin und wieder sacht und zufaellig die meinen beruehren, ihre Hand liegt in der Seinen, er versucht ein wenig zu schlafen, die karge spanische Landschaft zeichnet sich nur noch in Schatten und Umrissen gegen den am Horizont noch orange leuchtenden, darueber fahlblauen, schwarzen Himmel ab, die Diskussionen der spanischen Reisenden sind verstummt, das Abteil hat sich etwas geleert, der Zug taucht in die Nacht ein, sie liegt an seiner Schulter, ihre Augen sind geschlossen, ich stehe auf und verbringe Stunden damit, die Landschaft, durch die wir schiessen, zu entziffern. Auf dem Gang liegen einige Reisende schlafend auf dem Boden, ich gehe ins Abteil zurueck, steige ueber ihre langen braunen Beine, und vergrabe meinen Kopf in meiner H&M-Strickjacke, jener Jacke die mir auf jeder meiner Reisen als Kissen und einzigem waermenden Kleidungsstueck diente.

Der Morgen graut, Schatten von windschiefen Zypressen rasen vorbei, der Zug hat sich ueber Nacht gefuellt, grosse Gruppen von spanischen Pendlern versuchen ihren Weg zwischen den in den Gaengen uebernachtet habenden Reisenden zu bahnen, Schlafende auf Isomatten liegen noch auf dem Boden, ich starre im droehnenden Bahn-WC in den abgeriebenen, verkratzten Spiegel, mache ein paar ‘push-ups’ zwischen Plastikwaschbecken und metallenem Festhaltegriff überm WC und denke fuer ein paar Momente an jene Studentin, wirre und ungestalte Bilder von aneinanderklebenden Koerpern in Bahn-WCs. Durch meine Abwesenheit verliere ich meinen Platz im Abteil und stelle mich im naechsten Wagen vor die Tuer, der Morgen ist ein wenig diesig, die Landschaft wird lieblicher, gruener, der blau-rote Himmel deutet auf einen drueckend heissen Tag. Ich finde mein letztes Nahrungsmittel im Rucksack, eine Tafel Schokolode, reisse sie mit fast zitterenden Haenden auf, als mich Yolanda anspricht.

Yolanda traegt ein wunderbar blau-weiss gebluemtes Kleid, das irgendwie, wie ich sofort denke, alternativ aussieht, sie ist ein wenig klein, hat blonde Locken und ein ein wenig veraengstigtes Lachen auf ihrem runden jungen Gesicht, das mich fragt, ohne etwas zu sagen: Gibst du mir von deiner Schokolade. Und ich frage sie auf englisch, ob sie nicht etwas von meiner Schokolade abhaben will und sie antwortet ‘certainly, thank you’ und ich frage sie, wo das Meer sei, ich deute auf die niedrigen gruenen Buesche, die vorbeihuschen, auf den Horizont, und frage sie, wo das Meer sei. ‘The sea! The sea!’ antwortet sie, lacht einen Moment spoettisch auf und verschwindet mit der Haelfte der Schokolade im Gang.

Ich bleibe einen Moment etwas schamvoll zurueck und starre auf den Horizont, ich stellte mir vor, wir muessten uns nicht weit vom Meer befinden, in Wirklichkeit war das Meer hunderte von Kilometern entfernt und waehrend ich versuche, die wirkliche Entfernung zum Meer anhand der Vegetation abzuschaetzen, schiesst Yolanda um die Ecke, noch die Reste der Schokolade in der Hand und sagt: ‘The sea is not here, but if you want to find the sea- I will show it to you’ und macht eine ausholende Bewegung in Richtung des Fensters, ihre Finger spreizen sich, sie schaut mich spoettisch und ein wenig forschend an, ihr Brustkorb hebt und senkt sich, ihre weiten, noch immer ein wenig angstvollen Augen versenken sich in den meinen und ich sage ‘I know, the sea is not here, but if you want to show me the sea, I will follow you’.

Wir stolpern auf den winzigen Bahnsteig mitten in einer Art von Farben und Duefte des morgens atmenden Einoede, der Geruch der mahlenden Bremsbacken des Zuges liegt noch in der Luft, als ich mich umwende und in die von Entsetzen und Unverstaendnis geweiteten Augen der deutschen Studentin blicke, die direkt hinter mir auf den Bahnsteig stapft, ihr Freund einen Schritt hinter ihr, sie sagt nichts, ich wende mich um und Yolanda ist voraus mit ihrer Reisetasche, die sie ohne Aufhebens im Laufschritt auf dem Boden hinter sich her schleift und ich folge ihr mit langen Schritten und sage: ‘Yolanda, so if you continue to do it like this, your bag won’t make it too long’ und sie lacht nur und bechleunigt ihren Schritt und wir hoeren den Zug hinter uns und sein forderndes Pfeifen als er seinen Weg durch die karge und duftende Huegellandschaft fortsetzt und während Yolanda an meiner Seite murmelt, ein wenig schimpft und lacht blicke ich zurueck und sehe die beiden Studenten als ein Punktpaar von weissen Leinen auf dem Bahnsteig zurueckbleibend, der Tag aber atmet ein neues Kapitel im Leben zweier Fremder und ich trete naeher zu Yolanda hin und hebe ihre Reisetasche sachte vom Boden ab, waehrend wir unseren Weg fortsetzen und Yolanda nur diesen einen Satz sagt: ‘Andreas, so you know, we are two very special human beings’ und sie haelt einen Moment inne, blickt mich an mit ihren strahlenden, immernoch ein wenig aengstlichen Augen und ich sage: ‘Well, I know that, Yolanda, I probably know’.

Es ist ein warmer Sommerabend in einem winzigen portugiesischen Dorf mitten im Nirgendwo, mir scheint es seien Wochen vergangen, Yolanda sitzt mir gegenueber, ihre Augen sind weit geoeffnet und sie erzaehlt von ihrer Kindheit, den verstoerenden Horrorfilmen die sie sah, die sie in tiefen Schrecken versetzt hatten, immer wieder haelt sie inne, mit den Erinnerungen kaempfend und ein schiefes Laecheln huscht ueber ihr Gesicht, wir sitzen in einem kleinen Restaurant, dem einzigen Restaurant des Dorfes auf Holzbaenken, sie hatte gesagt: du musst den Stockfisch probieren, das portugiesische Nationalgericht und sie hatte traurig gelaechelt, weil dieser Stockfisch sie an eine Heimat erinnerte, die nicht mehr die ihre war.

Yolanda war an einem regnerischen Abend im europaeischen Sommer in Amsterdam aus dem Zug gespien worden, sie hatte monatelang fuer diese Reise gespart, nur darauf hingelebt und sie hatte ihre Freunde erwartet, in Amsterdam, die ihr gesagt hatten: hier kannst du ein neues Leben beginnen. Sie hatte auf ihre Freunde gewartet, auf dem Bahnsteig, spaeter an der Adresse, die jemand ihr am Telefon genannt hatte und zu der sie sich in langer Muehe durchgefragt hatte und diese Freunde waren nicht dagewesen. Es war, als haetten diese Telefonate nie existiert, diese Freunde nie existiert, ihre Versprechungen, Yolandas Glaube ein neues Leben in Amsterdam beginnen zu koennen und stattdessen war dort ein korpulenter Mann mittleren Alters an einer Tuer eines schaebigen Altbaus in Amsterdam, der sich als Fotograph vorstellte und der sagte: du kannst unter der Treppe schlafen, dort im Treppenhaus, ich gebe dir eine Decke.

Yolanda hatte leise in ihre Haende geweint, damals, oder war es erst vor einigen Tagen, in diesem Amsterdamer Treppenhaus und sie hatte sich morgens mit trockenenem Mund aus dem Treppenhaus geschlichen und war durch die Stadt getaumelt, ohne sie eigentlich zu sehen, sie musste irgendwann den Bahnhof erreicht haben und hatte irgendjemanden gefragt, habt ihr etwas zu essen fur mich uebrig, etwas zu trinken. Die MItarbeiter der Bahnhofsmission waren irgendwann auf sie aufmerksam geworden und sie hatte es ihnen erzaehlt, ihre Geschichte von ihrem Traum, ein neues Leben zu beginnen in Amsterdam. Auch hatte sie erzaehlt, dass ihr Kind, ihr Sohn, ihr Baby, in Portugal zurueckgeblieben war und dass sie ihn hatte holen wollen, sie hatte ihn ja holen wollen, sobald es irgendwie moeglich gewesen waere.

Nur ein paar Stunden spaeter sass sie im TGV nach Paris, die Landschaft raste vorbei, ihre Traeume zerstieben im Abendrot eines sinnlosen Tages, der sie in eine Welt gefuehrt hatte, die nicht die ihre war und die sie ausgespien hatte, noch ehe sie ihr ganz gewahr geworden war. Man hatte ihr zwei Fahrscheine und zwanzig euro in die Hand gedrueckt, zwanzig euro, von denen sie sich ein paar Kekse, eine Tafel Schokolade und eine Flasche Rotwein gekauft hatte, jenes Weines, der sie immer zu sich selbst zurueckgefuehrt hatte, wenn sie sich verloren hatte in jener Welt, die nicht die ihre war. Sie setzte die Flasche an den Mund, leerte die Reste ihres Inhalts mit sicherer und gewohnter Miene und schlief ein.

Als wir an diesem ersten Tag in dieser unbekannten duftenden Landschaft die beiden Studenten an jenem Bahnhof wie zwei Irrlichter in einem Moor des gleissenden Lichts hinter uns gelassen hatten, war es fuer ein paar Stunden, als habe das Unerbittliche des Geschehenen, der Realitaet der anderen und des Ungluecks keine Macht über uns, Yolanda lachte mit den Fahrern, die uns von der Strasse aufgelesen und auf wilden und verschlungenen Wegen immer tiefer in die portugiesische Einoede zu bringen schienen, sie sagte fest: ‘Andreas, we are visiting my grandmother. You will se, she’s cool. She will give me some money. And after that, we will try to find my father. You know I love my father.’ Und sie blickte mir fragend in die Augen, ihre forschenden und noch immer ein wenig aengstlichen Augen. Ihr Vater war unser Ziel gewesen, das vielleicht ein Geheimnis, vielleicht die Erloesung zu bergen schien und wir hatten diese erste Nacht in einem Zimmer verbracht, das die junge Wirtin des Hotels fuer uns hergerichtet hatte und das wie sie sagte, am Morgen um zehn gereinigt werden muesse. Aber der Tag stand schon hoch am Himmel als wir erwachten und als ich am Abend zuvor Yolandas tattoo studiert hatte, das sie nicht weit ueber ihrem Hintern auf ihrem Ruecken trug, eine kleine orange-rote Sonne, da hatte sie gesagt ‘Andreas, you know, we cannot touch each other’. Aber sie hatte mich auch gefragt, der ich noch immer mit ihrem tattoo beschaeftigt gewesen war: ‘So Andreas, do you like my ass or my tattoo that much..’ und ich hatte geantwortet, dass ich sie beide sehr mochte, ich mochte sie beide hatte ich ihr zugefluestert, waehrend eine lauer Abendwind sachte die Vorhaenge unserer Pension in das Zimmer blies und fuer ein paar Stunden die Zeit stehengeblieben zu sein schien in diesem seltsamen Haus am Rande des Nirgendwo einer duftenden und ahnungsvollen mediterranen Stille.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Eigentlich

Als ich, mehr aus Langeweile sowie aufgrund eines, wie mir klar ist, fast pathologischen Ordnungsdranges meine letztjährigen emails auf entbehrlichen und damit zu loeschenden Charakter hin uebersehend, mit der Erinnerung an jenen unbekannten und, rueckblickend betrachtet, offenbar zweifelsfrei als geistesgestoert einzuordnenden Studenten konfrontiert werde, stehe ich auf und gehe zum Fenster und sehe auf die wie üblich mit sich selbst rechtfertigender Geschaeftigkeit erfüllte und an diesem Novemberabend regennasse Strasse hinaus. Dieser Student, der, wie er nicht müde geworden war zu betonen, Naturwissenschaften, hatte aus mir bis zu diesem Tag unerfindlichen Gruenden vor etwas mehr als zwei Jahren begonnen, mir emails zu schreiben, dabei hatte er von Anfang an versucht, das offensichtlich zweifelhafte dieser Tatsache als eigentlich zweifelhaftes Moment des Sachverhaltes anzufuehren und war dazu uebergegangen, seine ihn offenbar bedrueckenden und beschämenden Seins- oder auch Daseinsverhältnisse in einer Weise zu beschreiben, von der ich zugegebenermassen bis zuletzt und trotz meines bisher dreijährigen Psychologiestudiums kein klares Bild hatte gewinnen koennen, aus welchem Grunde es mir auch, wie ich sagen muss, als ich an meinem Kaffee nippe und die dichte Folge von Lichterpaaren betrachte, nie möglich geworden war, ein Wort zu entgegnen. Ich stelle mir vor, wie dieser unbekannte und seltsame Mensch in diesem Moment mit vorgebeugtem Oberkoerper und weit ausholenden Schritten direkt hier unter meinem Fenster voruebergeht waehrend ich um ihn und seine Existenz weiss, er aber niemals erfahren wird, dass ich ihn verstehe. Vor etwa einem Jahr war er ploetzlich verschwunden aus einem Nichts in eine ungeformte Erinnerung, seine letzte mail hatte, wie ich nun lese, gelautet:

B., es ist heute ein so sommmerliches Gefühl, ich weiss ich versprach, nie wieder zu schreiben, aber es ist diese Sehnsucht nach dem vergangenen Sommer, der so schnell verging, also jedenfalls dieser Winter ist scheußlich und der Winter überhaupt und diese Dunkelheit, dann verschlafe ich auch stets den ohnehin schon kurzen Tag und kann Nachts nicht schlafen und die Einsamkeit und ich weiß eben nicht, wie. Dann traf ich vor einigen Tagen nach langem meinen langjährigen Freund Daniel, für den alles plötzlich so einfach ist, seine Erzählungen, einerseits seine “Psychologin” aus Friedrichshain, er ist “genau ihr Typ”, naja, dann “haben sie Liebe gemacht” und ihr “Piercing” aber sie “will keine Beziehung”, sie sei so künstlerisch, oder auch nicht, sie las ihm aus der Hand, er habe schöne Hände, es tue ihm Leid, daß er immer wieder von Frauen erzähle, dann die Kieferorthopädin etc und Silvester, die andere Psychologin (so ein Zufall) habe einen neuen an Land gezogen, der “viel größer” sei als er, ein “Schrank”, er bleibe aber dran , wolle eben alles oder nichts, mit Frauen sei alles ganz anders, so schöne Momente, sagte er, sie habe einen Weinkrampf etc gehabt, wir können ja mal ins Theater, danach gleich zum Tango im Grünen Salon, ich solle eben zuschauen, sie hatte immer drei verschiedene Garderoben dabei, Röcke oder Kleider, wie er sagte, der Rücken frei, sie fasse sich gut an, mit dem Tango sei es wie mit dem Blues in unserer Teenie-Zeit, ich bräuchte nur etwas Selbstvertrauen, er könne sich mich beim Tango nicht vorstellen, manchmal führe auch die Frau, ihre Wohnung sei ganz ruhig eingerichtet, ich müsse zuerst das Licht verändern, auch der Müll sei ein Problem, er rief mich mit dem Handy an, am Donnerstag in der Volksbühne, er habe sich einige neue Platten gekauft, er zählte sie auf, ich hörte nicht hin, Iggy Pop wohl auch, also dann morgen, danach in den Grünen Salon, er rufe an, mein Telefon wird nicht in der Dose stecken. Ich erzählte ihm von Prag, jener Pragerin, die ich für einen Satz verstand, ich sie auf deutsch fragte, ob sie aus Österreich sei, dann meine Frage auf englisch wiederholte, zu der mich alles trieb, ihre Augen ganz nah und ganz blau bis ich mich wegdrehte und von jener Griechin, die ich auf Naxos suchte und nicht mehr fand, deren Familie ein Restaurant dort betreibt, die ich damals so begehrt hatte, als meine Freundin aus Wien kein Wort gesagt hatte obwohl sie alles wußte und ich die grenzenlose Verzweiflung in ihren Augen sah und ich sie liebte wie nie in ihrer Hilflosigkeit und Wut und die nicht mehr aus Österreich zurückkam nach der Reise. Ich erzählte ihm von den einsamen Menschen im Dezember, den einsamen Frauen wie nie sonst im Jahr, ihren verstohlenen Blicken, ihrer unsicheren Zärtlichkeit aus der Ferne, meinem stummen Verstehen und Sehnen und meiner Unsicherheit und meiner Leidenschaft, meinem Wegstolpern und -stürzen, meinem mich-nähern und atemlosen Vorbeihuschen, ihrem Erröten und ihren Augen für einen letzten Moment, der Anonymität der Stadt und der Bedeutungslosigkeit. Von der Studentin im Prenzlauer Berg erzählte ich, die ich um ein Uhr nachts auf der Schönhauser Allee ansprach, als ich meine Frage herauswürgte und sie kein Wort verstand und sie ihr Gesicht weggedreht hatte und der Studentin in der Stabi an der Garderobe, die ich heute ansprach und sie fragte, ob sie mir ein Markstück wechseln könnte, die mich mißverstand und mit verzogenem Gesicht ein Markstück heraussuchte und verdutzt war (“was ist denn das”) als ich ihr daraufhin fünfzig Pfennig plus fünf mal zehnpfennig in die Hand drückte, wie noch zwei zehnpfennigstücke dabei auf den Boden gefallen waren und ich fast mit dem Fuß daraufgetreten wäre um sie zu stoppen, wie ich sie aufsammeln mußte und wie alles furchtbar peinlich gewesen war, so daß ich ihr kein einziges mal ins Gesicht blicken konnte und mit großen Schritten das Weite suchte. Wie ich bei Maria am Ostbahnhof die Freundin von jemand angesprochen hatte, die ich begehrte und wie diese das gewußt hatte und zutiefst verletzt gewesen war, wie es mir so leid tat und wie ich nichts hatte sagen können und wie es mir immernoch leid tut und ich nichts wiedergutmachen kann, wie jene Philosophiestudentin in der Philosophiebibliothek an der HUB mir ein unsicheres Lächeln geschenkt hatte und wie ich in Panik weggeschaut hatte, ja weggerannt weil ich nicht wußte was zu tun, wie sie später plötzlich auch bei Dussmann an der Friedrichstraße war und wieder ihr Lächeln versuchte, ich noch entschiedener wegschaute und ich sie dann wie von Sinnen dort suchte und nicht mehr fand, wie ich hoffe, daß ich sie wiedersehe in der Bibliothek oder irgendwo, wie unwahrscheinlich es ist.
Wie ich die Frau in der Stabi, die ich vor über einem Jahr erstmals dort sah, die Medizin studiert und ein Meter breite, südländische Locken hat, nie vergessen werde, wie mit ihr alles begann und hätte anders werden können nach der Trennung von meiner Freundin und wie mir damals erstmals klarwurde, daß irgendetwas nicht stimmte mit meiner Psyche und daß es da evtl. ein Problem mit dem Insulin gäbe, wie ich deshalb oder warum-auch-immer nicht auf ihr Lächeln reagierte, das ich nie vergessen werde und ihr Blick, der mich völlig unerwartet aus der Nähe traf, wie mir ihre Augen ganz nah gewesen waren, oder vielmehr ihr eines (linkes) Auge es irgendwie nur gewesen war und wie ich es immernoch vor mir sehe, so dunkel und warm und voller Freude und Ahnungen und doch voller Tragik
und die ersten leisen Andeutungen der Zeit um ihre Augen, wie ich mich augenblicklich in sie verliebte. Ich erzählte Daniel, daß ihr Blick immer traurig gewesen war, auch wenn sie lachte, was sie oft tat, was ich ihm nicht erzählte war, daß ich in ihren Augen gesehen habe, daß sie um alles weiß, um die Endlichkeit unseres Seins und um die wenigen Momente des Glücks und um den Schmerz und daß ich gesehen hatte, daß auch sie mich in meinem Blick erkannt hatte. Ich erzählte ihm, wie ich es aus irgendwelchen Gründen nur selten und wenn dann sehr spät zur Stabi geschafft habe und daß sie immer dagewesen sei und ich glücklich in ihrer Nähe gesessen war, wie ich während des ganzen Winters von ihr geträumt habe und wie dann aber eines Tages sie an der Garderobe gesessen war und ich viel zu spät an der Stabi eingetroffen war, wie ich unmöglich für eine Viertelstunde in die Stabi hatte gehen können und sie von außerhalb dort sitzen sah, wie sie mich plötzlich dort draußen stehend gesehen hatte, ihr Haarschopf plötzlich aufgeruckt war, wie ich wußte, daß das die Katastrophe gewesen war, wie ich sie noch wütend zum Ausgang hatte laufen sehen, während ich geflüchtet war. Niemals wieder habe ich sie in der Stabi gesehen und doch halte ich seit damals immer vergeblich nach ihrem schwarzen Haarschopf Ausschau, ohne den die Stabi wie ausgestorben ist.
Monate später meinte ich sie um vier Uhr Nachts am Hackeschen Markt gesehen zu haben, in der S-Bahn, die ich gerade verlassen hatte, von Maria am Ostbahnhof kommend; ich sah ohne Brille, die ich gerade am T-Shirt putzte nur ihr Haar und ihre lange feine Nase und ihr Gesicht ruckartig aufblicken, als ich meine Brille aufgesetzt hatte war es zu spät. Eine Woche später war da diese schöne und liebe südländische Frau bei Maria am Ostbahnhof, die ihre schwarzen Haare irgendwie zusammengesteckt hatte und einen Ledermantel trug und wie ich fand die gleichen Füße wie die Stabi-Frau hatte, aber sonst irgendwie kleiner war und war ihre Nase nicht ganz anders? Ich hatte ein Glas Wein getrunken und war wie immer davon völlig blau und zog enge Kreise um sie, beugte mich gar in dem einen Moment ziemlich nahe an sie heran, während ich mich fragte wieso sie so starr nach vorn blickte, kam schließlich in meiner Trunkenheit zu dem Schluß, daß es sich bei dieser Frau um die Schwester oder zumindest eine ziemlich nahe Blutsverwandte der Stabi-Frau handeln müsse oder daß es einen Menschenschlag gebe, der nun einmal der Stabi-Frau allgemein ähnlich sehe. Irgendwann hatte die südländische Frau ihren Mantel ausgezogen und tanzte, während ich mich leise am Rand der Tanzfläche herumdrückte und dann von einem Moment auf den anderen völlig nüchtern wurde und mir klar war, daß dort niemand anderes als die Stabi-Frau tanzte und daß sie mir jetzt ganz nahe war nach Monaten und daß ich in Wirklichkeit schon vom ersten Augenblick an gewußt habe, daß es die Stabi-Frau gewesen war und ich mußte plötzlich lachen und lachte laut auf und lachte die neben mir Stehenden an und lachte auch die Stabi-Frau an und ging zur Telefonzelle und rief Daniel an und sprach ihm aufs Band, daß die Stabi-Frau bei Maria am Ostbahnhof sei und was ich denn jetzt tun solle, was solle ich denn jetzt tun. Später standen wir dann im oberen Stockwerk von Maria am Ostbahnhof, ich starrte in meinen Kirschsaft, sie stand vier Meter links und betrachtete mein in-den-Kirschsaft-starren. Irgendwann war der Kirschsaft leer und ich starrte ins leere Glas und sie betrachtete mich und das leere Glas, plötzlich stieß ich mich von der Wand ab scharf nach links, im selben Moment hatte sie schon zwei Schritte nach vorn gemacht und wir taumelten aneinander vorbei, so nah, daß ich ihren Wärmehauch spürte und meine ganze Sehnsucht aufflammte und ich noch heute denke, daß ich sie einfach
hätte mit meinen Armen umschlingen sollen und an mich ziehen sollen und sie niemals wieder hätte loslassen dürfen.
Natürlich habe ich es nicht getan. Ich war glücklich damals bei Maria am Ostbahnhof und wußte, auch sie war glücklich, weil wir uns hier wiedergefunden hatten und wir uns gefunden hatten. Sie saß mit einigen ihrer Freunde auf einem der Sofas und lachte, ich nahm irgendwann meinen Mantel und ging.
Später noch, im Sommer, letzten Jahres, sah ich sie das letzte mal, beim Karneval der Kulturen, genauer wieder bei Maria am Ostbahnhof nachts. Ich war noch einmal vom S-Bahnhof zurückgegangen, es war schon früh, als ich in der Morgendämmerung in der Masse der Herausströmenden ihr Gesicht sah, wie plötzlich auf meine Netzhaut gebrannt, diesmal war ich es, der aufruckte, ihr liebes Gesicht, ihre weiten Augen. Sie ging mit einem Freund, mit dem sie schon in der Stabi oft gesessen war, Hand in Hand, ich folgte ihnen dann auf Distanz, sie stiegen in einen weißen Golf und fuhren davon. In einer Kurve stand ich, allein, unsere Blicke trafen sich ein letztes Mal durch die Scheibe des Seitenfensters, nein sie trafen sich nicht, wir hatten es nicht mehr gewagt, es war mehr ein aneinander-vorbei- oder durcheinander-hindurch-blicken, ein unendlich trauriges und vergebliches.
Ich erzählte Daniel nicht, daß ich noch heute in stillen Momenten oft an sie denke, an diesen Menschen, für den ich vielleicht bestimmt gewesen war und mit dem ich vielleicht hätte glücklich sein können, den ich aber nie kennengelernt habe und von dem ich nicht weiß, wo er jetzt lebt oder was er tut, ja wie er heißt und ob er sich noch an jenen schweigsamen und seltsamen Fremden erinnert, der mit ihm für eine Zeit eine geheimnisvolle Art von Realität geteilt hat und der ihn auf seine Art geliebt hat.

Ich trinke den Rest des Kaffees und schalte den Computer aus, es ist dunkel, nur die Folge der Lichter taucht die Zimmerdecke in einen klaren Wechsel von Gelb und Braun. Ich nehme meinen Mantel, das Treppenhaus im Dunkel und trete auf die Strasse.

Posted in Uncategorized | Leave a comment